Früher im Deutschunterricht habe ich mal darüber geschrieben, dass ich unbedingt mal Spanien will und wissen möchte, wie dort alles abläuft. Damals war das für mich wie ein ferner Traum – ich hab mir vorgestellt, wie ich durch sonnige Straßen laufe, mit neuen Leuten rede und einfach alles anders ist. Und jetzt sitze ich hier in meinem Zimmer in Jerez de la Frontera, höre die Geräusche der Stadt und kann’s immer noch nicht fassen, dass ich das wirklich durchziehe.
Als ich vor ein paar Monaten angekommen bin, war alles so überwältigend neu. Die Sprache hat mich gleich reingezogen – ich merke, wie ich jeden Tag flüssiger werde. In der Schule hier fühl ich mich jetzt wie ein Teil vom Team, besonders nach den ersten Wochen, wo ich total gespannt war, ob ich mich einbinden kann. Ich hab mich getraut, in den Pausen mitzuquatschen und plötzlich hatte ich meine erste Gruppe Freundinnen – meine Freunde von hier sind meine besten Freunde geworden, mit denen ich jetzt fast jeden Tag abhänge.
Meine Lieblingsmomente sind die kleinen, ganz persönlichen: Das American-Football-Team der Männer nimmt mich super mit auf – mein Trainer und die Spieler sind auch meine Freunde geworden, wir trainieren hart zusammen, lachen über die heftigen Tackles und feiern die Touchdowns wie eine echte Crew. Oder meiner einen Gastschwester beim Flamenco-Tanzen zuschauen und meine Schwester, die Schiedsrichterin beim Fußball ist, anfeuern. Ich mache viel mit meinen Gastcousinen – mit einer bin ich zum Beispiel letzten Trachten für die Feria de Caballos anprobieren gegangen, die andere nimmt mich regelmäßig mit, um meinen Cousin beim Fußballspielen zuzuschauen… jetzt ist gerade Semana Santa und da gehen wir auch oft zusammen raus. Ich liebe es, wie lebendig alles in Jerez ist, die Farben, die Musik, die Art, wie die Leute hier feiern – vor allem mit dem ganzen Flamenco-Vibe, der überall mitschwingt. Es fühlt sich an, als ob ich endlich die echte Spanien-Seite sehe, die ich mir immer gewünscht hab.
Die Feria in Jerez de la Frontera verwandelt die Stadt eine ganze Woche lang in ein buntes Fest voller Tradition, Musik und Lebensfreude. Elegante Trachten, festlich geschmückte Straßen und die beeindruckenden Pferdeparaden gehören genauso dazu wie die besondere Atmosphäre, die die Feria jedes Jahr einzigartig macht. Besonders schön war es, durch die lebhaften Gassen zu laufen, die Musik zu hören und die vielen prachtvollen Pferde aus nächster Nähe zu sehen – eine Erfahrung, die man so schnell nicht vergisst.
Durch dieses Jahr wachse ich so krass. Ich bin selbstbewusster geworden, trau mich, Dingen wie mir Fremden Menschen einfach mal zu reden oder sogar einfach mal in der Straße mit Fremden Sevillana zu tanzen, die ich zu Hause nie gemacht hätte – oder in der Klasse vor allen präsentieren. Ich hab gelernt, dass ich viel stärker bin, als ich dachte und dass offener sein total neue Türen öffnet. Es ist mein Abenteuer und ich forme es so, wie es zu mir passt.
Noch ein paar Monate und ich will jede Sekunde auskosten: mehr Reisen, mehr Sport mit meinen neuen Freundinnen, mehr von dieser Freiheit hier in Jerez. Ich bin so dankbar, dass ich den Schritt gemacht hab – das bin jetzt ich, hier in Spanien.
Charly