Fünf Monate geplant, zehn Monate geblieben

Hi, ich bin Milena und habe von September 2021 bis Juli 2022 mein Auslandsjahr in New Hampton, New Hampshire, USA verbracht. Ursprünglich waren nur fünf Monate geplant, doch manchmal kommt alles anders, als man denkt. So wurden es am Ende statt fünf Monate, zehn
Monate.

Meine Gastfamilie habe ich tatsächlich erst wenige Tage vor meinem Abflug bekommen. Umso aufgeregter war ich, als mein Vater mich damals mit den Worten „Du hast deine Gastfamilie!“ weckte. Ich lebte auf einer Farm mit meiner Gastmutter, meinem Gastvater und meiner älteren
Gastschwester. Neben zwei Hunden, vier Katzen und zwei Meerschweinchen gehörten auch drei Pferde und ein Pony zu unserem
Alltag.

Ich besuchte eine kleine Highschool in der Nähe und fand trotz meines verspäteten Starts direkt am ersten Tag eine Freundin fürs Leben, die mich inzwischen sogar schon zweimal in Deutschland besucht hat. Im ersten Halbjahr spielte ich leidenschaftlich Volleyball, später probierte ich Basketball aus und unternahm viele Ausflüge mit meinen internationalen Freunden, die ich durch die Partnerorganisation in den USA kennengelernt habe.

Oft werde ich nach meinem persönlichen Highlight gefragt. Natürlich könnte ich unseren Urlaub in Florida im Disney World oder meinen Prom nennen. Aber mein ganzes Auslandsjahr auf einen einzigen Moment zu reduzieren, fühlt sich falsch an. Es waren gerade die vielen kleinen Alltagserlebnisse, die diese Zeit für mich so besonders und unvergesslich gemacht haben. Und plötzlich wollte ich nicht mehr zurück.

Als ich in die USA flog, erschienen mir fünf Monate wie eine lange Zeit. Doch gerade als ich mich richtig eingelebt hatte, sollte ich schon wieder nach Hause. Bei dem Gedanken daran bekam ich zunehmend einen Kloß im Hals. Meine Freunde begannen, über Prom zu sprechen, und mir wurde bewusst, was ich alles verpassen würde. Nach und nach entstand deshalb der Wunsch, länger zu bleiben. Besonders nervös war ich, als ich meine Gastfamilie darauf ansprach. Ich saß mit ihnen am Esstisch und erklärte, dass ich mir nicht vorstellen konnte, schon bald wieder zu gehen. Die Reaktion meiner Gastmutter zeigte mir dann nochmal wieso diese Entscheidung genau die richtige war: Sie sagte sofort, dass sie sich auch nicht vorstellen konnte, mich schon nach fünf Monaten wieder gehen zu lassen. Nachdem ich alles mit meiner Schule und meiner Organisation geklärt hatte, stand es fest: Ich blieb weitere fünf Monate.

Rückblickend war das eine der besten Entscheidungen, die ich hätte treffen können. Natürlich war nicht jeder Tag perfekt, und auch ein längeres Auslandsjahr macht den Abschied nicht leichter, denn ist man jemals bereit, so etwas einfach hinter sich zu lassen? Anfang Juli 2022 ging es für mich dann aber zurück nach Deutschland. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge stieg ich in den Flieger (obwohl es eher das weinende Auge war das den Flieger betrat). Ich hatte nicht nur viele unvergessliche Erinnerungen und Freundschaften gewonnen, sondern auch einen zweiten Ort, den ich ab dem Zeitpunkt Zuhause nennen konnte.

So also mein Tipp an alle zukünftigen TASTEies: Wenn ich eines aus meinem Auslandsjahr gelernt habe, dann, dass nicht immer alles nach Plan laufen muss. Ich wollte meine Gastfamilie früh kennenlernen, mit einem sicheren Gefühl in die USA fliegen und hatte mich bewusst für fünf Monate entschieden. Am Ende kam alles anders und genau das machte meine Erfahrung so besonders. Zweifel und Sorgen vor einem so großen Abenteuer sind völlig normal. Sie bedeuten nicht, dass es nicht wunderschön werden kann. Manchmal entstehen gerade aus den Dingen, die anders laufen als erwartet, die schönsten Erinnerungen.

Traut euch, lasst euch auf das Abenteuer ein und gebt euch Zeit, anzukommen. Ich bin mit dem Plan für fünf Monate in die USA geflogen
und mit einem zweiten Zuhause im Herzen zurückgekommen.

This isn’t goodbye, this is simply “see you later”

Milena/New Hampshire